
An/ge\dacht
aus dem Gemeindebrief Oktober/November 2008
Liebe Leserinnen und Leser,
„we shall overcome some day“, plötzlich standen unserem amerikanischen Gast Tränen in den Augen. Er wollte einen typisch deutschen Gottesdienst mitfeiern, aber als nach der Predigt Lied Nr. 636 aus dem Kirchengesangbuch angestimmt wurde, verlor er die Fassung. In ihm stiegen Erinnerungen hoch an die Demonstrationen der 60er Jahre mit Pfarrer M.L.King für die Gleichberechtigung der Menschen schwarzer Hautfarbe in den USA. Er war damals als Student dabei gewesen und - so erzählte er uns am Abend in Ruhe - bei einer dieser Demonstrationen wurde sein Freund erschossen. Und jetzt, 40 Jahre später, sangen deutsche Jugendliche (wir feierten einen Schulgottesdienst) diese Bürgerrechtshymne, die ihm immer noch so nahe ging. Und mehr noch: Wir erinnern in diesem Jahr ja mit einer ganzen Reihe von Gedenkveranstaltungen an den Pfarrer und Friedensnobelpreisträger M.L.King. Vor 40 Jahren ist er ermordet worden, aber sein Traum von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße diesselben Möglichkeiten haben, scheint endlich der Erfüllung entgegen zu gehen. Inzwischen hat ein Schwarzer sogar gute Chancen, Präsident der USA zu werden. „We shall overcome“ singen wir immer noch. In den USA sicher mit mehr Erinnerungen behaftet als bei uns. Aber in unseren Kirchen singen wir diese Bürgerrechtshymne mit derselben Hoffnung auf eine gerechtere Welt. Und unsere Konfirmanden lernen über dieses Lied und seine Geschichte viel vom christlichen Glauben an Gottes gute Schöpfung und sein Erlösungswerk. Im September haben sie in der Friedrich-Ebert- Schule einen Konfirmandentag besucht, der eben M.L.King zum Thema hatte. Dieser nun schon 40 Jahre tote Pfarrer hat sie wirklich begeistert. Unsere Wiesecker Konfirmanden haben dem „Konfitag“ dann auch mehrheitlich die Note „1“ gegeben! Vielleicht haben sie an diesem Tag gespürt, dass die Hoffnung von Pfarrer King und den benachteiligten Menschen gerechtfertigt war. Vielleicht haben sie gelernt, dass es Werte gibt, für die es sich zu leben lohnt. Vielleicht hat ihnen Pfarrer King beigebracht, dass Glaube, Liebe und Hoffnung unser Leben reich machen. Unseren amerikanischen Gast hat es übrigens trotz seiner Traurigkeit sehr gefreut, dass unsere Jugendlichen in der Kirche „we shall overcome“ singen. Denn er glaubt genau so wie wir daran, dass Gott unserem Leben gute Möglichkeiten eröffnet. Wir sind unserem amerikanischen Gast dankbar, dass er uns mitgenommen hat in seiner Erinnerung auf dem Weg, den Gott ihn geführt hat, und mit ihm glauben wir daran, dass der Traum von M.L.King wahr wird. „Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen“ (Psalm 65,9).
Frank Wendel
aus dem Gemeindebrief August/September 2008
Liebe Leserinnen und Leser,
die Ferien sind zu Ende. Und mit einem Mal sind sie wieder überall: Kinder. Morgens vor der Schule oder mittags bevölkern sie die Straßen und den Bus, in der Pause hört man ihre Stimmen von den Schulhöfen. Auch unser Gemeindehaus füllt sich wieder: Kindergruppe und -chor, Bücherei und Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht und Jugendband. Fast jeden Tag kann man hier Kinder jeden Alters und Jugendliche antreffen.
Auch der Monatsspruch für August rückt die Kinder ins Blickfeld. „Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn“ (Psalm 127,3) heißt es da. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich, oder?
In der derzeit allgegenwärtigen Debatte über Kinder werden sie allerdings oft aus ganz anderen Perspektiven wahrgenommen: „Kinder sind eine extrem schwierige Aufgabe“, lassen uns Erziehungsratgeber wissen. „Kinder sind die Steuerzahler von morgen“, erinnert uns die Politik. „Kinder sind ein Armutsrisiko“, belegen Statistiken.
Gut, dass der Vers aus dem Buch der Psalmen uns da an das scheinbar Selbstverständliche erinnert: Kinder sind eine Gabe, ein Geschenk. Kinder sind kein Wirtschaftsfaktor und sie sind auch nicht das, was wir Erwachsenen gerne aus ihnen machen würden. Kinder sind in erster Linie eigenständige Persönlichkeiten und als solche unverfügbar. Ob ein Kind still ist oder quirlig, ob es den Erwartungen seiner Eltern entspricht oder nicht, und schließlich, ob es ein zufriedener Mensch wird – all das ist nicht planbar. Alles Erziehen und Fördern ist nur begrenzt. Ein Kind ist keine formbare Masse, sondern eine eigene Persönlichkeit mit einer unverlierbaren Würde. Eben ein Geschenk Gottes.
Wo wir Kinder so wahrnehmen, da können wir viel von ihnen lernen: von ihrem Blick auf die Welt etwa, von ihrer Neugierde und Unbefangenheit, von ihrer Offenheit und ihrem Mut. Und genau deshalb freue ich mich jetzt wieder auf die Schulzeit, auf die vielen Kinder, die Leben in unser Gemeindehaus und in unsere Kirche bringen, und auf das, was sie mitbringen: ihre Fragen und Antworten, ihre Erfahrungen und Träume.
Ihre Pfarrerin Carolin Kalbhenn
aus dem Gemeindebrief Juni/Juli 2008
Liebe Leserinnen und Leser,
in einem alten DDR-Witz ist Honecker bei Breschnew zum Kaffee eingeladen. Fragt Honecker: „Darf ich nachgießen?!“
Gießen war ja im Osten beinahe sprichwörtlich für „Freiheit“ geworden. Das Erstaufnahmelager war für unzählige DDR-Bürger der Anfang eines neuen selbst bestimmten Lebens, in dem nicht wenige auch hier in Gießen und Wieseck Wurzeln geschlagen haben.
Nun jährt sich am 17. Juni diesen Jahres zum 55. Mal der Arbeiteraufstand in der DDR. Anlass für mich, über diesen Teil unserer Geschichte die Monatsandacht zu schreiben.
Damals, als weder ich noch die meisten von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, geboren waren, rebellierten die Menschen in Ost-Berlin das erste Mal und konnten nur von sowjetischen Panzern aufgehalten werden. Erst 1989 gelang die Wende in der DDR dann wirklich. Heute herrscht beinahe Normalität in ganz Deutschland, sieht man von den immer noch bestehenden Einkommensunterschieden ab.
Müssen wir uns da noch an den 17. Juni erinnern, oder gehört er in die Geschichtsbücher, so wie er als Feiertag schon längst abgeschafft worden ist?
Welchen Sinn haben solche Gedenktage, wenn die Geschichte längst alles verändert hat?
Ich meine, die Erinnerung an den 17.6. hilft uns nicht nur, die Menschen zu würdigen, die zum Teil ihr Leben für eine bessere Zukunft eingesetzt haben, sondern auch, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Das eine ist eine Frage des Anstandes. Es gehört sich, respektvoll an den 17. Juni zu erinnern und die mutigen Menschen zu ehren, die damals schon gegen die Diktatur demonstriert haben.
Das andere ist die persönliche Auseinandersetzung mit „großen“ Ereignissen, die unser „kleines“ Leben infrage stellen: Der 17. Juni vermittelt uns unmittelbaren Sinn im Leben, sieht man doch an solchen Ereignissen, dass es sich lohnt, gesellschaftspolitisch aktiv zu werden.
Als Christen fragen wir uns aber auch nach der Rolle GOTTES in diesem Zusammenhang:
Warum sind die Aufständischen damals gescheitert?
Warum hat das Gute nicht über das Schlechte gesiegt?
Der biblische Monatsspruch für den Juni lautet: „Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist für mich zum Retter geworden“ (Exodus 15,2).
Die Bibel überliefert mit diesem Vers die Erinnerung an die Rettung Israels vor Ägyptens Streitmacht im Schilfmeer. Also, wenn man so will, den Erfolg des kleinen David gegen den Goliath Ägypten.
In seiner Geschichte ist Israel später viel öfter gescheitert als gerettet worden, aber eben dieser Erfolg in Ägypten wird bis heute in jedem Passafest ausgiebig gefeiert.
Denn es bedeutet: Es gibt Hoffnung, auch in aussichtsloser Lage. GOTT will, dass es wieder besser wird. GOTT will Rettung.
Auf den 17. Juni bezogen, meint der biblische Monatsspruch also: Dass die Diktatur gesiegt hat, kann nicht das letzte Wort sein. Bisher ist noch jede Macht vom Sockel gestürzt worden. Auch wenn das nach einigen Jahrzehnten in der DDR nur noch wenige für möglich hielten, hatten am Ende Friedensgebete doch mehr Kraft als ein großer Staatsapparat.
Der 17. Juni erinnert uns auch an unsere Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen, die in Unfreiheit leben müssen. In diesen Sommertagen gehen unsere Gedanken besonders nach China und wir wissen, die Menschen dort brauchen ebenfalls einen sehr langen Atem. Aber eines Tages, sagt unser Gottvertrauen, wird auch dort Freiheit kommen.
„Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist für mich zum Retter geworden“. Sicher können das viele hier in Gießen und Wieseck mitsprechen.
Mit allen guten Wünschen für den Sommer,
Ihr Frank Wendel, Pfarrer
aus dem Gemeindebrief April/Mai 2008
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Die Osterfeiertage liegen hinter uns, der Alltag ist zurückgekehrt. Vorbei ist die Zeit der Ruhe, der Entspannung und auch der Besinnung. Wie schnell kann doch die Osterfreude in der Hektik und Geschäftigkeit des Alltäglichen wieder verloren gehen!
Doch wäre es nicht wichtig, sich wenigstens einen Teil dieser Osterfreude auch für die kommende Zeit zurückzubehalten und sie auch weiterzutragen?
In der Osternacht und den Ostergottesdiensten haben wir voller Freude über das Wunder der Auferstehung Jesu die schönen Osterchoräle gesungen und gehört: Christ ist erstanden..., Auf, auf, mein Herz mit Freuden..., Jesus lebt, mit ihm auch ich..., Er ist erstanden, Halleluja...! Wir haben gelesen, gesehen und gehört, was das tiefe Geheimnis des Osterfestes ist: Jesus Christus ist auferstanden, er hat den Tod besiegt und hat uns Menschen den Weg des ewigen Lebens bereitet. Und das ist für uns doch ein Grund zu großer Freude!
Vielen rational denkenden Menschen fällt es jedoch zunehmend schwer, sich auf diese Botschaft einzulassen und ihr Glauben zu schenken. Doch gerade das ist der zentrale Punkt des christlichen Glaubens. Ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu wäre die christliche Botschaft inhaltsleer und entsprechend bezieht der Apostel Paulus im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes dazu Stellung, wenn er deutlich sagt, dass aller Glaube und alle Predigt nichtig wären, wenn die Christen nicht daran glaubten, dass Christus von den Toten auferstanden sei. In der Abendmahlsliturgie wird darum immer wieder neu vom „großen Geheimnis des Glaubens“ gesprochen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!“ Dieses Geheimnis lässt sich eben nicht beweisen, sondern es ist Ausdruck des Glaubens und Vertrauens.
An Ostern haben wir das „Geheimnis des Glaubens“ gefeiert und unsere Freude darüber zum Ausdruck gebracht. Wir sind als christliche Gemeinde dazu aufgerufen, auch nach dem Osterfest jubelnd oder auch mit leiseren Tönen zu verkündigen, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist und auch uns dadurch das ewige Leben schenkt.
Viel Zeit also, um den Osterjubel und die befreiende Botschaft stets weiter zu tragen und darüber nachzudenken, welche Hoffnung und welcher Trost darin für uns und unser Leben enthalten ist!
Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete und von der Osterfreude erfüllte „Nach“-Osterzeit!
Ihre
Kerstin Kiehl, Pfvn.
aus dem Gemeindebrief Dezember 2007 / Januar 2008
Liebe Leserinnen und Leser,
Weihnachten steht vor der Tür! Und was machen Sie an den Feiertagen?
Ich habe einmal die Antwort bekommen: "Ach, nichts Besonderes. Gut essen, Geschenke verteilen, in die Kirche gehen, Verwandte besuchen, ausschlafen natürlich und spazieren gehen". Nichts Besonderes soll das sein!
Jedenfalls im Gegensatz zu einem außergewöhnlichen Weihnachtszeitvertreib wie ?Skifahren im Kaukasus?, "mal gar nichts schenken" oder "Weihnachten unter Palmen". Das ist etwas Besonderes. Das kann man vorzeigen und man kann sich gebührender Aufmerksamkeit sicher sein.
In der Regel brauchen wir das auch. Unser Alltag muss ab und zu durchbrochen werden. Dem Leben muss man Glanzlichter aufstecken! Es ist Menschen von Herzen zu gönnen, wenn sie Schönes erleben und genießen.
Aber das Außergewöhnliche grenzt auch ab und aus. Manchmal scheint es, als sei nur noch das Besondere das, was zählt. Als sei nur noch lebens- und liebenswert, was exklusiv ist. Alles andere ist eben nichts Besonderes, oder, wie es heißt: "Das bringt´s halt nicht".
Und Weihnachten?
Da wird erzählt, wie sich das Besondere mit dem Alltäglichen mischt, wie sich das ganz Exklusive in die gewöhnliche Welt hineinbegibt.
Gott wird Mensch. Gott ist nicht mehr länger ein abstrakter Weltenlenker, weit weg von unserer kleinen Wirklichkeit. Er, der nach biblischen Worten in göttlicher Gestalt war, nimmt ?Knechtsgestalt? an. An Weihnachten findet das ganz Besondere im ganz Alltäglichen, im normalen Alltag statt. Das Wunderbare daran ist: Gott kommt zu uns normalen Menschen. Er ist bei uns in unseren kleinen und großen Wohnungen, bei unserer Arbeit und überall da, wo wir immer sind: glücklich oder traurig, einsam oder gemeinsam. Zumindest wenn wir ihn zu uns lassen.
So wertet die Botschaft vom göttlichen Kind die gewöhnliche und alltägliche Welt unendlich auf. Deswegen braucht man aber nicht darauf zu verzichten, immer mal wieder etwas Besonderes zu wollen. Nur sollte man bei den kleinen Fluchten aus dem Alltag nicht vergessen, dass das Besondere längst im Alltag angekommen ist. Zumindest was Gott anbetrifft. Der ist sich nicht zu schade, einfach Mensch zu werden!
Eine gesegnete Weihnachtszeit und ein gutes neues Jahr wünscht Ihnen
Frank Wendel, Pfarrer
aus dem Gemeindebrief Oktober/November 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
am 27. Oktober ist es soweit: pünktlich um Mitternacht wird der 7. und vorläufig letzte Band des Buches ?Harry Potter? endlich auch auf deutsch erscheinen. Alle Harry-Potter-Fans, die die englische Ausgabe nicht gelesen haben, werden diesem Tag ungeduldig entgegenfiebern. Und dann werden sie wieder überall zu sehen sein: Harry-Potter-Leser, die das Buch, wo sie gehen und stehen, verschlingen: in Bussen, in Wartezimmern, in der Schule unter der Bank und ganz sicher in vielen Wohnzimmern.
Worin aber besteht die Anziehungskraft dieser Romanfigur, die über Nationen und Generationen hinweg Menschen fasziniert und ins Lesefieber versetzt? Doch vermutlich darin, dass diesem Titelhelden anscheinend nichts unmöglich ist. Er stellt sich unerschrocken und mit unendlich viel Vertrauen dem entgegen, was in seiner Welt der Zauberer als das Böse ausgemacht ist. Er räumt jedes noch so schwierige oder unheimliche Hindernis aus dem Weg. Alles scheint Harry Potter möglich zu sein.
Mich erinnert das an einen Vers aus der Bibel, aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums: ?Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.? Nun geht es in der Bibel bekanntlich nicht um Magie und Zauberei, nicht um fliegende Besen und geheimnisvolle Zaubertränke, aber immer wieder um die Frage, was wir als Menschen dem, was unserem Leben widerständig ist, entgegen zu setzen haben. Was uns befähigt, allen lebensfeindlichen Kräften und Mächten, ja dem Tod zum Trotz, zu leben. Die Antwort der Bibel auf diese Frage ist zunächst einmal sehr einfach: den Glauben, das Vertrauen. Aber was bedeutet das?
Von Harry Potter wird erzählt, dass ihm das Böse deshalb nichts anhaben kann, weil er einmal, ganz am Anfang seines Lebens die Erfahrung gemacht hat, geliebt zu werden. Weil es da Menschen gab, die ihn mehr geliebt haben als ihr eigenes Leben, ja, die ihr eigenes Leben für ihn riskiert haben. Daher kommt sein Vertrauen, sein Zutrauen zum Leben.
Wir Christinnen und Christen glauben, dass es für uns Menschen, die wir nicht in der Welt der Zauberer leben, auch eine solche bedingungslose und uranfängliche Liebe gibt: die Liebe Gottes. In ihrem Horizont steht unser ganzes Leben. Sie ist der Grund unseres Lebens. Und sie kann die Wurzel für ein Vertrauen werden, in dem uns ?alles möglich ist? ? ohne Zauberstab aber unwiderstehlich.
Dass Sie das in Ihrem Leben erfahren, sei Ihnen gewünscht.
Herzlich Ihre
Carolin Kalbhenn, Pfarrerin
aus dem Gemeindebrief August/September 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN!“
Als Kind habe ich diesen Kanon oft im Kindergottesdienst mitgesungen und in der Erinnerung war es toll, dazu zu tanzen und mit den Füßen aufzustampfen.
Heute ist dieser Vers aus dem 113. Psalm der Monatsspruch für den August. Er erinnert uns gerade im Sommer an Gott, an die Quelle allen Lebens. Ich denke allerdings beim Lesen der Worte immer noch an den Rhythmus des alten Kindergottesdienstliedes.
Die Worte öffnen unseren Horizont für das hinter den Dingen und dem Augenschein Liegende. Wir genießen im August die Wärme, das Licht, die reifende Ernte, den Urlaub, die freie Zeit mit Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind.
Vieles verbinden wir mit dem August, aber nicht unbedingt das tägliche Lob Gottes. Gott hat im Kirchenjahr eher in der kalten Jahreszeit Platz gefunden. Spätestens im Advent füllen sich die Kirchen und der Kindergottesdienst, wenn es auf Weihnachten zugeht.
Aber Ostern und spätestens Pfingsten zieht es uns heraus, und die Sommersonntage verbringen die Menschen lieber für sich. Von Ausnahmen abgesehen. Unser Sommerfest war eine solche vielversprechende Ausnahme: Nach dem Gottesdienst haben einige Hundert Menschen rund um die Michaelskirche den ganzen Tag gefeiert. Beinahe vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Unser Fest war ein einziges großes Lob Gottes. Es gelang, natürlich auch weil uns gutes Wetter geschenkt wurde, aber noch mehr, weil so viele Menschen Lust hatten mitzumachen. Es war ein Fest für alle Generationen, sogar die Jugend der Gemeinde war in großer Zahl vertreten!
Nun können wir nicht jeden Tag ein großes Fest feiern. Aber wir können alle das Wesentliche, das in den großen gelungenen Festen steckt, in unsere Alltage mit hineinnehmen. Es ist die Freude an der Gemeinschaft mit den anderen, Rücksichtnahme und Engagement, Hilfsbereitschaft und Fairness und Neugierde auf den und die andere.
Nicht zuletzt ist es Dankbarkeit, und darum gehört zu jedem Fest, zu den großen wie den kleinen, ein großes Lob Gottes. „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN.“
Gut, wenn Ihnen im Sommer, im Urlaub oder auf dem Balkon, beim Aufwachen und beim Einschlafen, nach der Arbeit und vor der Arbeit ein solches Lob Gottes in den Sinn kommt. So wird der Alltag jeden Tag zu einem kleinen Fest.
Ihr Pfarrer Frank Wendel
aus dem Gemeindebrief Juni/Juli 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
der Fisch ist ein uraltes Markenzeichen der Christen. In den Katakomben Roms etwa wies dieses kleine, auf den ersten Blick harmlose Zeichen während der Christenverfolgung Eingeweihten den Weg zu den geheimen Versammlungsplätzen. Dabei war der Fisch auch so etwas wie das kürzest mögliche Glaubensbekenntnis. Die Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes für Fisch „ichtys“ ließen sich nämlich auch als Abkürzung für Jesus Christus Theos (Gott) Yios (Sohn) Soter (Retter) verstehen. Und so gesehen, war der kleine Fisch alles andere als harmlos, denn: wer sich zu diesem Glauben bekannte, der lebte gefährlich in einem Staat, der die Sprengkraft der Botschaft vom Reich Gottes fürchtete.
Eine Sprengkraft, die uns heute oftmals verborgen bleibt. Verändert christlicher Glaube die Welt? Hat er der Ungerechtigkeit in unserer Welt, der Ausbeutung der Schöpfung, dem Kampf um Geld und Macht etwas entgegen zu setzen? Oder ist er geradezu kontraproduktiv, weil er den Armen und Schwachen Trost zuspricht und sie mit der Hoffnung auf eine bessere Welt erst am Ende der Zeiten vertröstet – wie es die Religionskritiker dem Christentum seit alters her vorgeworfen haben.
Die Losung für den 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag widerspricht einer solchen Einschätzung der Bedeutung des christlichen Glaubens für unsere Zeit. Sie ist aus dem Hebräerbrief entnommen, wo es heißt: Gottes Wort ist „lebendig und kräftig und schärfer“. Ermutigend sind diese Verse, denn sie sagen: Wo die Botschaft vom Reich Gottes unter uns lebendig ist, wo wir in der Hoffnung auf eine gerechtere Welt leben, da wird die Welt nicht so bleiben wie sie ist. Diese Botschaft ist kräftig, das heißt, sie hat Durchsetzungsvermögen und sie ist scharf. Sie bringt Würze in die Diskussion um Lebensverhältnisse und Lebensformen, sie bezieht Position für die, die am Rande stehen. Sie schärft den Blick für die, die deren Bedürfnisse in der Gefahr stehen übersehen zu werden.
Auf den Kirchentagsplakaten wird diese Losung durch einen Fisch illustriert. Das uralte Markenzeichen der Christen – neu aufgelegt als Logo für den Kirchentag und durch ein kleines, aber feines Detail ergänzt: eine Haifischflosse. Christlicher Glaube, christliches Profil, so lese ich es aus diesem Detail ab, sind auch heute nicht harmlos oder aalglatt. Christlicher Glaube hat Biss.
Ob wir öfter mal die Zähne zeigen sollten?
Ihre Pfarrerin Carolin Kalbhenn
aus dem Gemeindebrief April/Mai 2007
...von der Kanzel hängen fette Würste, der Pfarrer trägt eine Maske, als ob die Faschingszeit nach gerade sieben Wochen Pause erneut begonnen hätte. Zu Beginn seiner Predigt erzählt er erst einmal einen deftigen Witz und ein herzhaftes Lachen der Gemeinde gibt Antwort...
So, liebe Leserinnen und Leser ist vielerorts bis ins Mittelalter hinein das Osterfest gefeiert worden. Deftig und allen Sinnen zugänglich erfährt die Gemeinde: Die Zeit der Leiden und des Schmerzes ist vorbei, Fasten und Entbehrung haben ein Ende.
Heute muss man aufpassen beim Lachen in der Kirche: Leicht wird es im feierlichen Ernst der gemeinsamen Andacht als störend empfunden. Dabei hat das Osterlachen eine ganz schöne und tiefe Bedeutung. Denn einst wurde damit der Tod ausgelacht!
Denn der Tod hat seine Macht über unser Leben verloren. Der Tod ist tot. Jesus Christus ist auferstanden. Das leere Grab des Ostermorgens ist Zeichen der Hoffnung für alle Christen, dass der Tod nicht das Ende ist.
Freilich tragen Menschen weiterhin ihre Kreuze. Es belasten uns die verschiedensten Sorgen. Aber keine Sorge und keine unserer Ängste haben seit Ostern mehr Macht, uns zu beherrschen. Wir können dem Tod ins Gesicht lachen, weil er besiegt ist.
Zwar blüht er uns allen nach wie vor, aber er hat seine Schrecken verloren, weil wir mit Jesus Christus hindurch kommen werden.
Einer der bekanntesten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, der mit 39 Jahren von der Gestapo ermordet wurde, sagte kurz vor seiner Hinrichtung im Konzentrationslager Flossenbürg zu einem Mitgefangenen: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“. Daraus spricht natürlich die Angst vor dem Sterben, die die meisten von uns teilen, zugleich aber auch die Osterfreude eines Christen, der den Tod als Durchgang begreift.
Was wird uns aber dann erwarten? Ein anderer Theologe, Helmut Thielicke, erzählt dazu folgende Anekdote: Zwei Mönche malen sich aus, wie es im Himmel aussehen könnte. Sie versprechen einander, dass der, der zuerst stirbt, dem anderen in der nächsten Nacht erscheint, um das zu bestätigen, was sie sich vorgestellt haben oder eben nicht.
Der eine stirbt, und aufgeregt wartet der andere in der folgenden Nacht auf dessen Erscheinen.
„Taliter?“ (genauso? – wie sie sich das vorgestellt hatten), fragt er ihn. „Aliter“ (anders), lautet die Antwort. „Qualiter?“ (wie?) fragt er atemlos weiter. „Totaliter aliter“ (ganz anders) ... ist die letzte Antwort.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, - trotz allem, was Sie belastet - eine schöne Osterzeit!
Ihr Pfarrer Frank Wendel
aus dem Gemeindebrief Februar-März 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
Skiurlauber, die nicht Ski fahren, sondern wandern gehen, Nester bauende Vögel und blühender Löwenzahn im Januar. Die Klimakatastrophe hat uns erreicht, oder jedenfalls bekommen wir schon einen Vorgeschmack davon, wie es vielleicht in ein paar Jahrzehnten in unseren Breiten aussehen wird.
Man braucht schon ziemlich viel Galgenhumor, oder Ignoranz (?), um darauf so zu reagieren, wie es kürzlich in der Zeitung zu lesen war: Manche Kommune freut es, denn durch die ausgefallenen Winterdienste konnte in diesem Jahr viel Geld eingespart werden. Und wir? Mancher von uns wird schwanken zwischen Abwiegeln (Es hat doch schon immer mal einen warmen Winter gegeben), Resignation (Schlimm, aber nicht zu ändern) und Ohnmacht (Was kann ich als Einzelner schon dagegen tun?).
Als Christinnen und Christen sehen wir in den verheerenden Stürmen und den Bildern vom Schnee in der Wüste hoffentlich nicht die Zeichen der Endzeit anbrechen, sondern erinnern uns an die Aufgabe, die mit der Gabe, dem Geschenk dieser Welt an uns Menschen von allem Anfang an verbunden ist: „Und Gott segnete die Menschen und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ So erzählt die erste Schöpfungsgeschichte unserer Bibel. Und was damit konkret gemeint ist, ergänzt die zweite so: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Die Schöpfungsgeschichte – eine Erzählung, die etwas über das Verhältnis von Gott zu seiner Welt und von uns Geschöpfen zu Gott und der uns umgebenden Umwelt erzählt. Darauf kommt es ihr an, nicht um eine wissenschaftliche Darstellung der Weltentstehung. Und das heißt doch: Wer Gott als Schöpfer in unserer Welt am Werke sieht, wer glaubt und hofft, dass unsere Welt einen Sinn und ein Ziel hat, der darf und soll seine eigene Rolle in dieser Welt nicht übersehen. In den beiden Schöpfungserzählungen erscheinen wir Menschen als Partner Gottes, als die, denen nicht nur zugemutet, sondern auch zugetraut wird, dass sie in der Lage sind, diese Schöpfung in aller ihrer Schönheit und Vielfalt zu bebauen und vor allem zu bewahren. Ich nehme diesen grünen Winter zum Anlass, mich daran erinnern zu lassen. Zu überlegen, wo ich in meinem Alltag selbst Ressourcen unüberlegt verschwende, wo ich leicht Energie einsparen könnte und wo mir ein Verzicht schwerer fällt – in der Hoffnung, dass viele kleine Leute, die viele kleine Schritte tun, auch wirklich das Gesicht der Welt verändern können.
In diesem Sinne grüßt Sie herzlich
Ihre Pfarrerin Carolin Kalbhenn

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